ph_Steve-MichaAutor: Michael Winkler
Erstveröffentlichung 2012

Als ich im Sommer 2012 für 3 Monate Vollzeittraining auf Daqingshan bei Meister Chen Zhonghua war hatte ich einen Artikel auf Englisch veröffentlicht. Dieser Artikel hier entspricht inhaltlich dem, welchen ich im Sommer 2012 auf der Englischen Webseite von Meister Chen Zhonghua veröffentlicht hatte.

Bevor Meister Chen Daqingshan für ein paar Wochen verließ hatte er uns am Essenstisch noch ein paar essentielle Dinge bezüglich des Lernprozesses mit auf den Weg gegeben, welche ich hier mit euch teilen möchte:

Meister Chen erwähnte, dass wir “a-emotional” oder zumindest emotional sehr stabil werden müssen, um Taijiquan lernen zu können und peng zu kreieren.
Wir sollten nicht zu sehr in “Hochs” und “Tiefs” verfallen, wenn uns Sachen mal gut oder mal gar nicht gelingen. Statt dessen ist Gleichmut sehr wichtig für unser Lernen.

Selbstwahrnehmung

Ich persönlich denke, dass es nicht einfach oder oft sogar unmöglich ist, selbst über den eigenen Entwicklungsprozess sinnvoll zu urteilen, da wir immer in unserer eigenen, subjektiven Sicht gefangen sind, und diese Sicht mit der Realität oft nicht viel zu tun hat.
Nach meinen eigenen Unterrichtserfahrungen passiert es sehr oft, dass wir uns vor allem in den Momenten des (äußerlich sichtbaren) Fortschrittes nicht gut fühlen und sogar denken, dass wir gerade alles sehr schlecht machen. Es scheint, dass unsere Empfindungen für uns selbst in diesen Situationen oft genau gegenteilig der eigentlichen Situation sind …
Meister Chen erwähnte auch immer wieder, dass es sich nicht “gut” anfühlt, wenn wir wirklich lernen, und dass sich das korrekte Training meistens nicht wohl anfühlt. Er benutzt oft die Wörter “feels awkward”.

Grundverständis über die Taiji-Prinzipien entwickeln

Des weiteren denke ich, dass wir, wenn wir näher an die Grundprinzipien des Taijiquan kommen, vieles immer wieder völlig neu bewerten müssen.
Was einst besonders wichtig oder essentiell erschien entpuppt sich evt. als relativ unwichtig im Verhältnis zu anderen Aspekten, und manche wichtige Dinge fangen an sich überhaupt erst zu zeigen, andere Sachen sind ganz anders als gedacht, mitunter sogar gegenteilig dem zuvor Gedachtem, etc.
Dies ist nicht einfach zu akzeptieren, und wir können damit auch nur schwer umgehen und arbeiten.

Unsere Emotionen

Zurück zu dem eigentlichen Thema, den “Hochs und Tiefs”. Gerade in den letzten Tagen (DQS 2012 im Sommer) habe ich dieses Auf und Ab immer wieder sehr stark erlebt. Heute hatte ich mal wieder ein “Auf”, weshalb es mir auch leichter fällt, diesen Artikel nun zu schreiben …

Gestern war meine Stimmung wirklich schlecht, da diese ganze Sache, die wir hier versuchen zu lernen, sehr weit weg zu sein scheint – was höchstwahrscheinlich sogar auch der Realität entspricht! Es gibt einfach noch so viel Arbeit an grundlegenden Dingen zu tun, damit Taijiquan wirklich funktionieren kann.
Meister Chen erwähnte gestern am Essenstisch, dass in all den vielen Jahren, die er nun unterrichtet, es bisher keine einzige Person gab, der es gelang, wirklich das zu tun, über was er die ganze Zeit redet …
Und wenn ich mich nicht täusche dann hat er dasselbe 2010 auf DQS auch schon erwähnt.

Ich würde sagen, dass alleine dieser Umstand schon eine große emotionale Herausforderung darstellt, um es etwas positiv zu formulieren. Doch ich erinnerte mich und versuchte, nicht zu glauben, was ich selbst denke oder fühle. Statt dessen sah ich zu, dass diese Gefühle zur Ruhe kommen können, und ich einfach weiter trainieren kann. Doch ehrlich gesagt hatte ich in diesem Moment die starke Befürchtung, dass in Zukunft irgendwann mal der Moment der totalen Aufgabe kommen könnte …

Heute gab es dann wieder einen Wechsel:
Auf dem Weg zum Trainingsplatz nahm ich mir vor, so viele Yilus wie möglich zu machen, da mir klar war, dass ich täglich immer viel zu wenige laufe. Ich hatte die überraschende Wirkung des Formtrainings in meiner bisherigen Laufbahn immer wieder erleben dürfen, und dies schien mir folglich die einzig sinnvolle Sache zu sein, die es zu tun gab.
Doch dann kam alles anders und es gab für mich eine gute Gelegenheit, mit vielen Chinesen unter der Supervision von Meister Chen zu pushen.
Eines unserer Konzepte fing plötzlich an, besser zu funktionieren: keinen Kraft im oberen Körper, wenn man reingeht. Mit einigen der Pushhands-Partner gelang mir dies sehr gut.
Meister Chen korrigierte meine Aktion noch etwas.

Auch diese neuen Korrekturen gelangen mir in diesem Moment relativ gut und ich erkannte die perfekte Situation, um mich an unser Thema zu erinnern und nicht in ein übermäßiges “Hoch” zu verfallen. Ebenso wäre es auch nicht nötig gewesen, sich am Tag zuvor so sehr entmutigen zu lassen. Dennoch passiert dies immer wieder leicht …

Gleichmut

Für mich persönlich ist dies ein weiterer sehr interessanter Aspekt des Taijiquan Trainings, welchen wir auch aus dem Buddhismus oder Daoismus kennen: einen stabilen und gleichmütigen Geist entwickeln, egal was kommt. Dies sollten wir bestimmt nicht mit einer gleichgültigen Haltung verwechseln. Auch bedeutet dies sicher nicht, dass wir keine Freude mehr am Training haben sollten. Ich denke, dies sind an dieser Stelle sehr übliche Missverständnisse, und die Bezeichnung “Gleichmut” trifft sehr gut, auf was es ankommt. Ein genauer Blick auf dieses Wort lässt sicherlich noch mehr Klarheit eintreten.

Für die Praxis des Taijiquan bedeutet dies wohl auch, dass wir unabhängig davon, ob wir “es” bekommen (das große letzte Ziel), uns immer wieder auf dem Pfad halten müssen und uns weiter in der Fähigkeit üben, loszulassen.

Das Original mit zahlreichen Kommentaren könnt ihr  hier  lesen.

Mit den besten Wünschen “vom Berg” 2012,
Michael Winkler

Lernprozess und Emotionen
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