von Mat Beausoleil 30.12.2011

http://practicalmethod.com/2011/12/energy/

Übersetzung Frank Brück

Jeder fortgeschrittene Schüler des Taijiquan wird letztlich erkennen, dass die dabei eingesetzt Kraft niemals in den Muskeln produziert werden sollte. Aber wenn diese Kraft nicht in den Muskeln produziert wird, woher kommt dann die unglaubliche Stärke, Beweglich- und Schnelligkeit der großen Meister? Ich glaube diese Frage kann beantwortet werden durch das Verständnis des erstaunlichen Systems von Bändern und Sehnen, die die Muskel- und Skelett-Struktur miteinander verbinden. Obwohl viele Leute glauben wollen, dass “Qi” die Hauptquelle der Energie ist, die den Körper während des Taijiquan antreibt, kann dies eine extrem unpraktische und irreführende Ansicht sein, die es schwierig macht die Bedeutung von “innere” Energie zu begreifen.

Das System der Sehen und Bänder, das den ganzen Körper durchzieht, besitzt eine eindrucksvolle Widerstandskraft gegen Druck und Spannung. Die elastischen Eigenschaften der Sehnen, und ihre Fähigkeit als Federn zu fungieren, erlaubt ihnen eine Energiespeicherung und -Freigabe mit hoher Effizienz. Darum glaube ich, dass eine fortwährende Stärkung und Konditionierung der Sehnen ein primäres Ziel jedes Schülers der inneren Kampfkünste sein sollte. Durch korrektes Training können die Bänder und Sehnen des Körpers in sehr starke und hochflexible Fasern transformiert werden.

Übersetzer: diese Einsicht hat sich auch im “normalen Sport” durchgesetzt. Siehe:

https://www.researchgate.net/publication/242581545_Speicherung_und_Nutzung_elastischer_Energie_in_Sehnen_und_Bandern_der_unteren_Extremitat_bei_hochdynamischen_Absprungen_im_Sport

Weil sich das Training auf die Verbindung dieser Bungee-Seil ähnlichen Bänder fokussiert, kann eine gewaltige Menge elastischer Energie im Körper produziert und gespeichert werden. Diese “elastische” Energie kann über das System der Sehnen blitzartig weitergeleitet werden, so wie Schallwellen beim Schnur-Telefon. Wie wir alle aus Kindertagen wissen, wird die Übertragung der Stimme unterbrochen, wenn die Schnur nicht fest genug gespannt ist und irgendwo durchhängt.

Ähnliches geschieht wenn die Sehnen im Körper nicht richtig ausgerichtet oder verbunden sind oder in einem Körperteil die Spannung fehlt, wodurch die Energie nicht weitergeleitet und als Folge die strukturelle Integrität und Kraft vermindert wird. Durch das Trainieren der Sehnen wird der ganze Körper straffer und die verschiedenen Körperteile beginnen eine bogenförmige Form anzunehmen. Ist der Körper richtig verbunden können diese Bögen, die nach innen über Sehnen fest mit der Wirbelsäule verbunden sind, eine unerschöpfliche Quelle der Kraft sein. Wie können diese Bögen Energie erzeugen?

Es ist wie mit Pfeil und Bogen. Wird die Sehne nach hinten gezogen und die Wölbung des Bogens dadurch kürzer, wird die Energie des Bogens im Zentrum gesammelt und gespeichert. Schnellt die Sehne nach vorne, wodurch sich die Wölbung verlängert, wird die Energie im Zentrum freigesetzt und tritt an den Enden aus. Wenn wir die Wölbung in den Armen kürzen und die Spirale straffen, indem wir den Ellbogen nach innen ziehen und die Hüfte drehen, wird in gleicher Weise Energie aufgebaut und gespeichert.

Weil jeder Bogen im Körper über die Sehnen miteinander verbunden ist, wird die Energie, die entsteht wenn wir die Wölbung der Arme verkleinern, schnell zum Zentrum des Ganzen geleitet, dem Dantian. Weil jede Sehne des Ober- und Unterkörpers sich über den Dantian verbinden, wird jede Spannung, die sich irgendwo im “verbundenen” Körper aufbaut, den Weg zum Dantian finden, dem Energie-Zentrum des Körpers. Wird der Bogen der Arme verlängert und durch die Dehnung gestrafft, wie bei Pfeil und Bogen, wird die Energie im Zentrum freigesetzt und tritt an den Extremitäten aus.

Der gleiche Prozess gilt auch für die Bögen der Beine, durch kürzen und verlängern der Bögen wird große Energie und Kraft erzeugt und gespeichert. Voraussetzung für diesen Prozess der Energieproduktion, Speicherung und Freisetzung ist jedoch, dass der Körper komplett verbunden ist. Als Beispiel – bei der Übung des positiven Zirkels mit der rechten Hand, wobei der Ellbogen an die Rippen geführt wird und die Hüfte sich nach innen dreht, werden die eingedrehten Sehnen und die Wölbung des Armes kleiner und dadurch straffer. Die dabei entstehende Spannung kann man in der ganzen rechten Körperhälfte spüren. Das kann man vergleichen mit dem Aufziehen eines Gummiband-Motors.

Zur gleichen Zeit werden die Knie nach außen gedrückt und dadurch der Bogen, den die Beine bilden, gezwungen sich zu öffnen. Enorme Spannung wird nun in den Beinen aufgebaut, aber da die Füße am Boden fixiert sind kann sich der Bogen nicht weiter verlängern und die Energie nicht freigesetzt werden. Während all die Energie des Oberkörpers sich nach links dreht und über die Wirbelsäule in den Dantian gelenkt wird, öffnen sich die Beine ebenfalls, drehen nach rechts und leiten die Energie zum Zentrum des Bogens der Beine, dem Dantian. Ist nun jede Sehne im Körper richtig verbunden, vereinigt sich die getrennte Energie des Ober- und Unterkörpers im Dantian und erzeugt ein enormes Drehmoment und potentielle Energie.

Weil die Energie nicht durch die Füße in den Boden entweichen kann, wenn das hintere Knie noch weiter nach hinten gedrückt wird, rotiert der linke Kua, drückt nach vorn und setzt die Spannung und Energie der Beine nach oben hin frei. Simultan wird die Spannung der eingedrehten Hüfte/Dantian gelöst, was die Wirbelsäule und den Oberkörper nach rechts dreht und die Energie nach außen durch den Arm treibt. Wenn also ein Gegner unseren “verbundenen” Arm drückt, erzeugt er eigentlich in allen Bögen unseres Körpers eine große Spannung, nicht nur im Arm.

Die freigesetzte Energie ist daher die Summe aller “elastischen Energie”. Sie entspringt allen spiraligen Bögen des Körpers und wird verdichtet und prompt über einen Punkt freigesetzt. Die freigesetzte Energie ist damit exponentiell höher als die Menge Energie, die gebraucht wird um die “Feder aufzuziehen”. Einfach gesagt, je stärker man in den Körper drückt, umso stärker ziehen sich die Sehnen auf und umso mehr Energie wird generiert. Daraus können wir folgern, dass wenn der Körper komplett verbunden ist und alles zur gleichen Zeit geschieht, nichts im Innern des Köpers die Bewegungen initiiert. Das heißt, dass eine Bewegung in einem bestimmten Körperteil nicht vor einer anderen erfolgt, um ein “Resultat” zu erzeugen.

Weil alles gleichzeitig geschieht kann ein echter Ursprung nicht festgestellt werden. Wenn wir hingegen die Form praktizieren gibt es keine äußere Kraft, die den Körper “aufzieht”, daher müssen wir “Absicht” einsetzen, um einen Gegner zu simulieren. Wenn der Schüler das Level erreicht, auf dem er die komplette Form laufen kann und dabei “verbunden” bleibt, ist es sehr vorteilhaft zu jeder Position eine Anwendung zu kennen. Sich vorzustellen, dass die Form gegen einen Kontrahenten durchgeführt wird, verstärkt jede Bewegung und ermöglicht ein Verstehen der korrekten Ausrichtung und der Energiebahnen des Körpers.

Energie

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